Eine magische Geschichte über Mut, Angst und die Kraft in uns selbst.Die Geschichte enthält einige düstere und spannende Szenen – empfohlen ab 12 Jahren.

Mein Name ist Selynn.Und wenn du diese Geschichte liest, dann hältst du vielleicht gerade den Anhänger in deinen Händen, der mich einst daran erinnerte, wer ich wirklich bin.Nicht, wer ich sein sollte.Nicht, wie stark andere mich gern gesehen hätten.Sondern wer ich war, als niemand zusah.
Selynn – Hüterin zwischen den Welten
Man erzählt sich, dass es Nächte gibt, in denen die Grenze zwischen den Welten dünner wird.So dünn, dass ein falscher Schritt genügt.Ein falscher Gedanke.Ein Moment der Angst.Und du weißt plötzlich nicht mehr, ob du noch in deiner eigenen Welt stehst oder längst in einer anderen.Ich kannte diese Geschichten.Ich war mit ihnen aufgewachsen.Meine Großmutter hatte sie mir erzählt, wenn draußen der Wind um unser Haus strich und das Feuer im Kamin kleiner wurde.

„Selynn“, hatte sie dann gesagt, „die gefährlichsten Türen sind nicht jene, die aus Holz oder Stein bestehen. Es sind die Türen in uns selbst.“Damals hatte ich gelacht.Ich war jung.Ich glaubte, Mut sei etwas, das man entweder besaß oder nicht.Heute weiß ich es besser.Denn ich war die letzte Hüterin der Schwelle.Seit Generationen hatte meine Familie darüber gewacht, dass zwei Welten voneinander getrennt blieben.Die unsere – voller Erde, Atem, Wärme und vergänglichem Leben.Und jene andere Welt.Eine Welt aus Erinnerung und Traum, Licht und Schatten, aus Dingen, für die Menschen keine Namen mehr hatten.Beide Welten gehörten zusammen.Und doch durften sie niemals ineinanderstürzen.Denn wenn eine von ihnen die andere verschlang, würde das Gleichgewicht zerbrechen.Es brauchte beides.Licht und Dunkelheit.Stärke und Sanftmut.Erde und Geist.Angst und Mut.Balance.Ich hatte mein ganzes Leben geglaubt, ich sei darauf vorbereitet.Bis zu jener Nacht.Ich erwachte von einem Geräusch.Drei tiefe Schläge.Langsam.Dumpf.Der erste ließ die Fensterscheiben zittern.Beim zweiten setzte ich mich auf.Beim dritten erloschen alle Kerzen in meinem Zimmer gleichzeitig.Mein Herz begann schneller zu schlagen.Ich lauschte.Nichts.Kein Wind.Keine Schritte.Kein Tier draußen vor dem Haus.Dann spürte ich es.Der Schlag war nicht von draußen gekommen.Er war unter mir gewesen.Aus der Erde.Ein dumpfes Pochen, als hätte tief unter dem Haus etwas Gewaltiges gegen eine verschlossene Tür geschlagen.Ich stand auf.Der Steinboden war eiskalt unter meinen Füßen.Und plötzlich hörte ich draußen einen Schrei.Kurz.Hoch.Menschlich.Dann Stille.Eine Stille, die schlimmer war als der Schrei.Ich riss meinen Umhang vom Haken, schlüpfte in meine Stiefel und lief hinaus.

Schon auf der Türschwelle blieb ich stehen.Der Himmel war violett.Nicht das sanfte Violett eines Sonnenuntergangs.Er war dunkel, schwer, beinahe lebendig.Die Wolken drehten sich in einem gewaltigen Kreis über dem Wald.In ihrer Mitte stand der Mond.Und zwischen den Baumstämmen flackerte ein Licht.Violett.Unruhig.Pulsierend.Mein Magen zog sich zusammen.Die Schwelle.„Nein“, flüsterte ich.Sie durfte sich nicht öffnen.Nicht in dieser Nacht.Nicht jetzt.Ich begann zu laufen.Äste schlugen mir ins Gesicht.Nasse Blätter verfingen sich in meinem Haar.Mit jedem Schritt wurde das violette Licht stärker.Und mit jedem Schritt wurde der Wald stiller.Irgendwann hörte ich nicht einmal mehr meine eigenen Schritte.Nur meinen Atem.Zu schnell.Zu flach.Dann hörte ich meinen Namen.„Selynn …“Ich blieb stehen.Die Stimme kam von links.„Selynn … bitte.“Zwischen zwei Bäumen stand ein Mädchen.Vielleicht sieben Jahre alt.Barfuß.Das weiße Kleid war am Saum mit Erde verschmutzt.Sie zitterte.„Hilf mir.“Etwas in mir wollte sofort zu ihr.Ich machte einen Schritt.Dann noch einen.Das Mädchen hob den Kopf.Und ich sah ihre Augen.Schwarz.Vollständig schwarz.Mein ganzer Körper erstarrte.Das Mädchen lächelte.Nicht wie ein Kind.Zu langsam.Zu breit.„Zu spät.“Der Boden unter mir brach auf.Ich hatte nicht einmal Zeit zu schreien.Erde, Wurzeln und Steine rissen an mir vorbei.Ich schlug mit der Schulter gegen Fels, verlor den Halt und stürzte weiter.Dann kam Dunkelheit.Als ich wieder zu mir kam, schmeckte ich Blut.Meine rechte Hand zitterte.Meine Schulter brannte bei jeder Bewegung.Ich lag auf kaltem Stein.Irgendwo tropfte Wasser.Tropfen für Tropfen.Ich zwang mich aufzustehen.Und dann sah ich sie.Die Schwelle.Vor mir schwebte ein senkrechter Riss aus violettem Licht.Er begann knapp über dem Boden und reichte höher, als ich sehen konnte.Seine Ränder bewegten sich wie Stoff im Wind.

Dahinter war keine Landschaft.Nur Dunkelheit.Und darin bewegten sich Schatten.Viele.Zu viele.Ich hörte Flüstern.Nicht mit meinen Ohren.In meinem Kopf.Komm näher.Du bist zu spät.Du kannst es nicht verhindern.Ich wollte zurückweichen, doch meine Beine gehorchten mir kaum.„Du kannst sie schließen.“Die Stimme kam hinter mir.Ich fuhr herum.Niemand.„Wer ist da?“Keine Antwort.Dann löste sich etwas aus der Höhlenwand und fiel vor meine Füße.Ein Stein.Ich bückte mich.Er war violett.Durch seine Oberfläche verliefen dunkle Maserungen, kreuz und quer, wie Wege auf einer Landkarte.Seine Farbe wirkte so lebendig, dass ich für einen Moment vergaß, wo ich war.Ich nahm ihn in die Hand.Kalt.Glatt.Schwer.

Und plötzlich war die Höhle verschwunden.Ich stand mitten in meinem Dorf.Flammen schlugen aus den Dächern.Menschen schrien.Rauch brannte in meinen Augen.„Nein …“Ich rannte los.Dann sah ich meinen Bruder.Er lag auf dem Dorfplatz.Reglos.Mein Herz setzte aus.„Nein!“Ich stürzte auf ihn zu.Doch plötzlich hörte ich die Stimme dicht hinter meinem Ohr.„Du hast versagt.“Ich blieb stehen.„Du konntest sie nicht schützen.“Mein Bruder hob langsam den Kopf.Sein Gesicht war bleich.„Warum hast du mich allein gelassen?“Etwas brach in mir.Ich wollte zu ihm.Ich wollte ihn festhalten.Ich wollte ihm sagen, dass es mir leidtat.Meine Augen füllten sich mit Tränen.Und dann spürte ich den Stein.Fest in meiner Hand.Kühl.Schwer.Wirklich.Ich schloss meine Finger darum.Mein Atem.Meine Füße.Der Boden.Meine Hand.Der Stein.Hier.Jetzt.Und plötzlich hörte ich die Stimme meiner Großmutter.Nicht aus der Dunkelheit.Aus meiner Erinnerung.„Wenn der Geist dich fortträgt, suche die Erde.“Ich schloss die Augen.Eine Träne lief über meine Wange.„Das ist nicht wahr.“Mein Bruder rief meinen Namen.Ich öffnete die Augen nicht.„Das ist nicht wahr.“Die Schreie wurden lauter.„Selynn!“Ich hielt den Stein fester.„Du bist nicht wirklich hier.“Dann wurde alles still.Als ich die Augen öffnete, stand ich wieder in der Höhle.Die Schwelle war größer geworden.Ein Schatten trat hindurch.Dann ein zweiter.Ich konnte ihre Gesichter nicht sehen.Vielleicht hatten sie keine.Ich wich zurück.Zum ersten Mal dachte ich nicht daran, was meine Familie von mir erwartet hatte.Nicht daran, dass ich die Hüterin war.Nicht daran, dass ich stark sein musste.Ich hatte einfach Angst.Eine entsetzliche, lähmende Angst.Meine Hände zitterten.Mein Mund war trocken.Ich wollte fort.Ich wollte nach Hause.Ich wollte meine Tür schließen, mich unter einer Decke verkriechen und so tun, als wäre nichts davon meine Aufgabe.„Ich kann das nicht“, flüsterte ich.Aus dem Riss kam ein leises Lachen.Dann eine Stimme.„Dann lauf.“Ich drehte mich um.Hinter mir führte ein schmaler Gang nach oben.Frei.Ich hätte gehen können.Ein Schritt.Dann noch einer.Niemand hätte erfahren müssen, wie viel Angst ich hatte.Vielleicht hätte ich mir später sogar selbst eine Geschichte erzählen können.Dass es keine andere Möglichkeit gegeben hatte.Dass ich hätte sterben können.Dass ein Rückzug vernünftig gewesen wäre.Ich machte einen weiteren Schritt.Dann dachte ich an mein Dorf.An meine Familie.An die Kinder, die jetzt friedlich schliefen.An Menschen, die nichts davon wussten, was sich unter ihren Füßen geöffnet hatte.Und ich begriff etwas.Ich musste nicht furchtlos sein.Ich musste nur entscheiden, wer in diesem Moment stärker sein durfte.Meine Angst.Oder ich.Ich drehte mich um.Meine Knie zitterten noch immer.„Ich habe Angst“, sagte ich.Die Schatten kamen näher.Ich schluckte.Dann hob ich den Kopf.„Aber ihr bekommt mich trotzdem nicht.“Ich lief auf die Schwelle zu.Der violette Stein lag fest in meiner Hand.Je näher ich kam, desto stärker wurde das Licht.Der Wind riss an meinem Haar.

Die Stimmen schrien jetzt in meinem Kopf.Versagerin.Zu schwach.Zu spät.Ich presste den Stein gegen den Mittelpunkt des Risses.Für einen Augenblick geschah nichts.Dann explodierte das Licht.Die Höhle erbebte.Steine fielen von der Decke.Die Schatten kreischten.Ich wurde zurückgeschleudert und schlug hart auf dem Boden auf.Der Stein glitt mir aus der Hand.„Nein!“Die Schwelle begann sich zu schließen.Langsam.Zu langsam.Eine schwarze Hand schoss durch den Spalt.Sie packte meinen Arm.Eis schoss durch meinen Körper.Ich schrie.Die Finger gruben sich in meine Haut.Ich wurde über den Boden gezogen.Zentimeter für Zentimeter.Direkt auf die Dunkelheit zu.Ich krallte mich mit der freien Hand an einer Felsspalte fest.Meine Fingernägel rissen.Blut lief über meine Hand.Der Stein lag vor mir.Nicht weit.Vielleicht eine Armlänge.Zu weit.Ich streckte mich.Nichts.Die Hand zog stärker.Mein Körper rutschte weiter.„Nein …“Ich streckte mich noch weiter.Meine Fingerspitzen berührten den Stein.Er rollte davon.Panik schoss durch mich.„Nein!“Ich warf mich nach vorn.Meine Hand schloss sich darum.In diesem Augenblick wusste ich nicht, ob ich überleben würde.Aber ich wusste, dass ich nicht aufgeben würde.Ich presste den Stein erneut gegen die Schwelle.„Nicht heute.“Das Licht wurde weiß.Dann violett.Dann schwarz.Die Hand ließ mich los.Der Riss brach mit einem gewaltigen Schlag zusammen.Und plötzlich war alles still.Ich blieb einfach liegen.Ich weiß nicht, wie lange.Vielleicht Minuten.Vielleicht Stunden.Irgendwann spürte ich Wärme auf meinem Gesicht.Durch einen Spalt in der Höhlendecke fiel das erste Licht des Morgens.Es traf den Stein in meiner Hand.Zum ersten Mal sah ich seine Maserung ganz deutlich.Helles und dunkles Violett.Linien, die sich kreuzten, trennten und wieder zueinanderfanden.Unvollkommen.Widersprüchlich.Und gerade deshalb wunderschön.Ich musste lächeln.Weil ich endlich verstand.Stärke bedeutet nicht, niemals Angst zu haben.Balance bedeutet nicht, dass in uns immer alles ruhig ist.Und Mut bedeutet nicht, dass wir sicher wissen, wie eine Geschichte ausgeht.Manchmal bedeutet Mut nur:Ich gehe trotzdem.Später ließ ich den violetten Jaspis in platinfarbenen Draht fassen.In seine Mitte setzte ich eine violett funkelnde Glasschliffperle.Wenn das Licht sie traf, leuchtete sie wie jener Riss zwischen den Welten.Und ich trug den Anhänger über meinem Herzen.Nicht als Schutzzauber.Nicht, weil ich glaubte, ein Stein könne mir meine Angst nehmen.Nicht, weil er mir Kraft geben musste.Sondern als Erinnerung.Als Erinnerung daran, dass die Kraft bereits in mir gewesen war, als ich glaubte, keine mehr zu besitzen.Als Erinnerung daran, dass ich Angst haben durfte.Zweifeln durfte.Fallen durfte.Und trotzdem wieder aufstehen konnte.Der Anhänger erinnerte mich daran, meine Füße zu spüren, wenn meine Gedanken mich forttragen wollten.An die Erde unter mir.An meinen Atem.An das Hier und Jetzt.Und zugleich erinnerte mich sein Violett daran, den Blick nach oben zu heben.Nicht im Boden zu versinken.Nicht nur das zu sehen, was gerade dunkel war.Sondern auch das, was noch möglich sein konnte.Viele Jahre sind seit jener Nacht vergangen.Was aus mir wurde, erzählen die Menschen unterschiedlich.Einige sagen, ich sei irgendwann wieder durch die Schwelle gegangen.Andere behaupten, ich hätte bis zu meinem letzten Atemzug über sie gewacht.Vielleicht spielt das keine Rolle.Denn eines blieb zurück.Mein Anhänger.Und vielleicht hältst du ihn eines Tages selbst in deinen Händen.

Wenn du ihn trägst, wünsche ich mir nicht, dass du glaubst, er werde dich vor allem bewahren.Ich wünsche mir etwas viel Größeres.Ich wünsche mir, dass du ihn berührst, wenn dein Herz rast und du am liebsten davonlaufen möchtest.Dass du seine Form unter deinen Fingern spürst und dich daran erinnerst:Ich bin noch hier.Wenn du vor einer Entscheidung stehst und keine der Möglichkeiten leicht ist, soll er dich daran erinnern:Ich muss nicht den ganzen Weg sehen. Ich brauche nur den Mut für den nächsten Schritt.Wenn andere dir sagen, du seist zu empfindlich, zu anders, zu schwach oder nicht genug, dann leg deine Hand auf diesen Anhänger und erinnere dich:Meine Stärke muss nicht laut sein, um stark zu sein.Und wenn du eines Tages glaubst, du hättest alles verloren, was dich einmal mutig gemacht hat, dann schau auf das Violett.Auf seine Linien.Auf sein Licht und seine Schatten.Und erinnere dich an mich.Ich hatte Angst.Ich zweifelte.Ich wollte fliehen.Ich fiel.Und trotzdem stand ich wieder auf.Darum soll dieser Anhänger niemals das Versprechen sein, dass dir nichts geschieht.Er soll etwas Wahrhaftigeres sein.Das Versprechen an dich selbst, dich nicht zu verlassen, wenn es schwierig wird.Trage ihn nicht, weil du Schutz brauchst.Trage ihn, weil du dich erinnern willst.An deine Wurzeln.An deinen Mut.An die Kraft, die vielleicht gerade ganz still in dir wartet.Und wenn eines Tages vor dir eine Tür steht, durch die du dich kaum zu gehen traust …wenn dein Herz dir sagt, dass du zu schwach bist …wenn die Angst dir zuflüstert:„Lauf.“Dann lege deine Hand auf den Anhänger.Spüre sein Gewicht.Atme.Und antworte ihr:„Ich habe Angst.Aber du bekommst mich trotzdem nicht.“Dann geh.Nicht ohne Angst.Mit ihr.Und vielleicht wirst du genau in diesem Moment erkennen, was auch ich in jener Nacht erkannt habe:Die stärkste Magie, die du jemals tragen wirst, hängt nicht an deiner Kette.Sie lebt in dir.

Hier endet Selynns Geschichte – doch vielleicht beginnt ihre Botschaft genau jetzt in dir weiterzuleben.
Vielleicht trägt dich diese Geschichte noch ein kleines Stück weiter. Und vielleicht erinnert sie dich genau im richtigen Moment daran, dass auch in dir mehr Kraft und Magie lebt, als du manchmal glaubst.Magische Grüße,
Tanja Wiese
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